Neue Koffer am DenkOrt

Wer in den letzten Tagen am DenkOrt vorbeiging, konnte es sehen: Veränderungen kündigen sich an. Die Gedenkstätte ist von einem Bauzaun umgeben, ein kleiner Kran steht dort. Und seit Montag wurden Gepäckstücke angeliefert und montiert.

Denn am 24. September 2021 findet die zweite Eröffnung und Erweiterung des DenkOrts statt: 32 neue Gepäckstücke aus Kommunen in ganz Unterfranken werden aufgestellt. Sie kommen zu den bereits 47 dort befindlichen Koffern, Deckenrollen und Rucksäcken hinzu. Auch diesmal darf die Veranstaltung leider nur in kleinerem Rahmen mit geladenen Gästen aus den Kommunen stattfinden.

Die neuen Koffer repräsentieren 43 jüdische Gemeinden und Wohnorte, in denen 1933 jüdische Menschen lebten. Und sie zeigen, dass viele weitere Kommunen in Unterfranken sich ihrer ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger erinnern, die verfolgt, vertrieben, beraubt, deportiert und ermordet wurden. Auch in den Kommunen wurden inzwischen bereits viele lokale DenkOrte eröffnet.

Besonders an den neuen Gepäckstücken ist, dass einige von ihnen durch Schüler:innen der Holzbildhauerschule in Bischofsheim und der Berufsschule in Bad Kissingen erstellt wurden. Eine Klasse der Bischofsheimer Schule hatte sich intensiv mit der Thematik des DenkOrts auseinandergesetzt und dies kreativ in ihre Entwürfe einfließen lassen (s. Foto). Die Drechslerklasse in Bad Kissingen hat ihre Gepäckstücke sogar als Jahresklassenarbeit hergestellt. Eine Schülerin wird bei der Eröffnung darüber berichten.

Foto und Text: Rotraud Ries, JSZ

Die Kinder des 17. Juni

Am 17. Juni 1943 verließ der letzte Transportzug in die Vernichtungslager den Hauptbahnhof in Würzburg. Deshalb wurde genau an diesem Datum vor einem Jahr der „DenkOrt Deportationen“ eröffnet. Ein Jahr später möchten wir an dieser Stelle besonders an die drei Kinder und acht jungen Menschen erinnern, die mit diesem Transport verschleppt wurden und nicht mehr zurückkehrten.

Der jüngste von ihnen war Sally Heippert, geboren am 9. Januar 1942 im Israelitischen Krankenhaus in Frankfurt a.M. Zu dieser Zeit wohnte seine ledige Mutter Käthe Heippert (1920 – 1943) im Heim des Jüdischen Frauenbunds in Neu-Isenburg. Dort konnte sie sich in einer halbwegs geschützten Umgebung auf ihr Kind vorbereiten. Sally bekam den Namen seines Großvaters, der die Haft im KZ Dachau 1938 nicht überlebt hatte. Die Familie Heippert lebte in Wiesenbronn. Sallys Vater ist nicht bekannt.

Als das Heim in Neu-Isenburg im März geschlossen werden musste, zog Käthe Heippert mit ihrem Baby nach Würzburg. Dort hatte sie bereits zuvor gelebt und als Dienstmädchen gearbeitet. Seit August 1942 wohnten Mutter und Kind im Gebäude auf dem Israelitischen Friedhof an der Faulenbergstraße. Dort lebten auch Sofie Krebs (1894 – 1943) und ihre beiden Söhne Julius (1923 – 1943) und Walter (1924 – 1943). Ihr Vater Benno (1881 – 1938) war 1938 im KZ Buchenwald ermordet worden, der Zwillingsbruder von Walter konnte emigrieren. Als Gärtner war Walter Krebs wohl für den Friedhof zuständig und könnte durch den Anbau von Gemüse zur Versorgung der Mitbewohner*innen beigetragen haben.

Am 17. Juni 1943 wurden Käthe und Sally Heippert wie die Familie Krebs frühmorgens mit den letzten Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde im Sammelquartier in der Bibrastr. 6 kontrolliert. Mittags mussten sie von da zu Fuß durch die Stadt zum Hauptbahnhof laufen. In einem Waggon, der an den regulären Zug nach Nürnberg angehängt war, startete der Transport mit 57 Menschen nach Auschwitz. Ein zweiter Waggon mit 7 Personen war für das Ghetto Theresienstadt bestimmt. Der eineinhalbjährige Sally und seine Mutter wurden wohl wie die Brüder Krebs mit ihrer Mutter direkt nach der Ankunft in die Gaskammer geschickt und ermordet. Sally war eines der jüngsten Opfer aus Unterfranken.

Michael (1931 – 1943) und Elisabeth (1936 – 1943) Weinberger mit ihrer Mutter Ruth (1900 – 1943) erging es nicht anders, auch sie starben in den Gaskammern von Auschwitz. Micheli und Lies, wie sie genannt wurden, waren die letzten jüdischen Kinder im Schulalter in Würzburg, elf und sieben Jahre alt. Sie lebten im Sammelquartier in der Bibrastr. 6. Dort erteilte ihnen ihre Mutter Privatunterricht und baute im Hof des Gebäudes Gemüse an. Sie hatte als Krankenschwester im Jüdischen Krankenhaus gearbeitet. Der Vater Karl Weinberger (1889 – 1941) war Erster Staatsanwalt und Landgerichtsrat in Würzburg gewesen und 1941 an einer Blutvergiftung gestorben.

Die Eltern Weinberger hatten sich erst nach dem Novemberpogrom 1938 und nach der Demolierung ihrer Wohnung entschlossen auszuwandern, was jedoch nicht mehr gelang. Die drei Kinder sollten mit einem Kindertransport nach England ausreisen. Als es so weit war, brachten Ruth und Karl Weinberger es nicht fertig, den beiden jüngeren Kindern die Trennung zuzumuten. Nur die elfjährige Hannah, die in der Mitte auf dem Foto zu sehen ist, stieg im Juni 1939 in den Zug. Sie überlebte als einziges Familienmitglied und verbrachte ihr Leben als Hanna Hickman (1928 – 2005) in England. 2003 veröffentlichte sie ihre Autobiographie.

Text: Rotraud Ries, JSZ; Foto: Michael, Hannah und Elisabeth Weinberger, ca. 1939 © Ruth March

Jahrestag der Deportation vom 25. April 1942

Mira Marx und ihr Cousin Oskar Moritz sind am 23. April 1942 gerade aus dem Bus ausgestiegen. Er hat sie von Miltenberg zur Sammelstelle am Platz‘schen Garten in Würzburg gebracht. Hier müssen sich zwischen dem 22. und 24. April 1942 Jüdinnen und Juden aus ganz Unterfranken zur “Evakuierung” einfinden. Mira Marx trägt schweres Gepäck und schaut sich suchend und verängstigt um, während Oskar Moritz in Richtung der Kamera blickt. An seinem Mantel ist der „Judenstern“ zu erkennen. Nur zwei Tage später und nach demütigenden Kontrollen werden sie mit 850 weiteren Menschen von der Sammelstelle zum Güterbahnhof Aumühle getrieben und von dort in den Raum Lublin im besetzten Polen deportiert.

Nach der Ankunft in Krasnystaw müssen die entkräfteten Menschen ohne ausreichende Versorgung zu Fuß nach Krasniczyn laufen, wo sie unmenschliche Bedingungen vorfinden. Von hier waren nur einen Tag zuvor die einheimischen Jüdinnen und Juden ins Vernichtungslager abtransportiert worden. Das gleiche Schicksal ereilt die 852 Menschen des Transports aus Würzburg. Sie alle werden noch vor Ende des Jahres im Raum Lublin ermordet. Die dritte Deportation vom 25. April 1942 war damit der größte durch das NS-Regime geplante und durchgeführte Transport aus Unterfranken. Zu den Opfern der Deportation gehörten auch Mira Marx und Oskar Moritz.

Aufgewachsen war Mira Marx (1894 – 1942) mit fünf Geschwistern in Miltenberg. Als Schülerin besuchte sie das Institut Unserer Lieben Frau und zog danach für ihre Lehre nach Frankfurt. Dort bekam sie ein Kind von einem Nichtjuden, das sie nicht bei sich behalten konnte. Vielen ledigen Müttern erging es ähnlich zu dieser Zeit. Zurück in Miltenberg arbeitete die unverheiratete Frau als Häusermaklerin. Mira Marx lebte im Haus der Familie, doch ihre Geschwister verließen Miltenberg schon um 1920. Das Haus wurde zum letzten, unfreiwilligen Sammelquartier der Miltenberger Juden. Der Sohn von Mira Marx hat die NS-Verfolgungen überlebt.

Auch Oskar Moritz (1887 – 1942), der Cousin von Mira Marx, wuchs in Miltenberg mit vier Geschwistern auf. Später lebte er dort mit seiner Frau Rosa und den drei Kindern. Im Ort führte er ein Ledergeschäft und war Mitglied der SPD. Aus diesem Grund geriet er schnell in das Visier der Gestapo und wurde bereits zu Beginn der NS-Zeit für mehr als zwei Jahre und dann noch einmal nach den Novemberpogromen für kurze Zeit im KZ Dachau interniert. Oskar Moritz versuchte, mit seiner Frau und seinem Sohn in die USA zu emigrieren – ohne Erfolg. Am 25. April 1942 wurde er mit seiner Frau Rosa von Würzburg nach Krasniczyn deportiert und dort ermordet. Ihr Sohn Manfred war bereits 1941 von Hannover aus in den Raum Riga deportiert worden, wo er ebenfalls ums Leben kam. Den beiden Töchtern gelang die Flucht nach England.

Mit Mira Marx und Oskar Moritz erinnern wir stellvertretend an alle Opfer der Deportation vom 25. April 1942.

Text: Nathalie Jäger, JSZ;  Foto: StAWü Gestapo 18880a, Foto 31, Zuschnitt

Artikel zu Orten mit Gepäckstücken

“Erinnern als vielstimmiges Stadtgespräch” erschienen

Jetzt kann man sie in Ruhe nachlesen: Die Geschichte der Entstehung und Entwicklung von Erinnerungsweg und DenkOrt Deportationen, dem zentralen Gedenkprojekt zur Erinnerung an die unterfränkischen Jüdinnen und Juden. Rotraud Ries, die Leiterin des Johanna-Stahl-Zentrums für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken, zeichnet sie in einer neuen Publikation des Kulturreferats der Stadt Würzburg nach: “Erinnern als vielstimmiges Stadtgespräch. Projekte und Initiativen zur Gedenk- und Erinnerungskultur in Würzburg, hg. v. Kulturreferat d. Stadt Würzburg. Konzept und Redaktion: Bettina Keß, Würzburg: Königshausen & Neumann 2021”.

Ries stellt Erinnerungsweg und DenkOrt als Gedenken an die “Jüdischen Deportierten aus Unterfranken” (S. 88-97) vor. In weiteren Beiträgen geht es um eng mit diesem verbundene Projekte wie die Besuchswoche für ehemalige jüdische Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt im Jahr 2012 (S. 98-103) sowie die Stele an der Kaiserstraße. Diese erinnert an die jüdischen Geschäftsleute, Rechtsanwälte und Ärzte auf dieser Straße als Teil der Stadtgesellschaft (S. 124-127). Benita Stolz beschreibt die Aktivitäten des Arbeitskreises Stolpersteine, aus dem heraus auch das Projekt Erinnerungsweg und DenkOrt Deportationen entstand (S. 70-76). Mehr zu den Beiträgen dieses Bandes.

Die Publikation wird am 16.03.2021 um 17:30 h online von Herrn Könneke präsentiert – begleitet von einer Podiumsdiskussion „Lebendig Erinnern – Demokratie Leben – Perspektiven für die Würzburger Erinnerungskultur“.

Der DenkOrt ist eröffnet

Sogar das Wetter hatte ein Einsehen: Erst ganz am Ende der Veranstaltung fielen die ersten Tropfen. So konnte die Eröffnung des DenkOrts Deportationen 1941 – 1944 vor dem Würzburger Hauptbahnhof ungestört stattfinden.

Sie war anders, ja. Nicht die große Veranstaltung mit allen Beteiligten und Interessierten aus den Kommunen in Unterfranken wie ursprünglich geplant. Mehr als 50 geladene Teilnehmer durften es aufgrund der Corona-Schutzbestimmungen nicht sein. Umso höher war der Anteil der Medienvertreter – bis hin zum Bayerischen Rundfunk, der die gesamte Veranstaltung als Livestream übertrug. Definitiv ein Vorteil, weil nun ein Film der Eröffnung für ein Jahr in der Mediathek bereit steht.

   

Musik, Grußworte und kurze Reden prägten die Veranstaltung. Oberbürgermeister Christian Schuchardt begrüßte die Teilnehmer  im Namen der Stadt und ordnete das Denkmal in die städtische Erinnerungskultur ein. Ihm folgten der Antisemitismusbeauftragte der bayerischen Staatsregierung Dr. Ludwig Spaenle und der Bezirkstagspräsident von Unterfranken Erwin Dotzel. Dr. Josef Schuster, der Zentralratspräsident der Juden in Deutschland, hat das DenkOrt-Projekt von Anfang an aktiv begleitet. Er stellte seine Bedeutung für die Demokratie und für die jüdische Gemeinschaft heraus. Für den DenkOrt-Verein hob Dr. Rotraud Ries den Jahrestag der letzten größeren Deportationen am 17. Juni 1943 hervor. Sie führte einige Namen der Menschen dieser Transporte an, die auf den Fototafeln im Hintergrund zu sehen waren. Und Benita Stolz sprach über den langen Weg zur Realisierung des Denkmals an diesem Ort – beginnend mit dem Weg der Erinnerung im Jahr 2011. Sie lobte die bewundernswerte Leistung des Architekten Matthias Braun, aus den vielfältigen Vorstellungen der Beteiligten ein überzeugendes partizipatives Denkmal geschaffen zu haben.

Die Namen der Kommunen, aus denen die aktuell 47 Koffer stammen, trugen Hannelore Hübner und Christine Hofstetter vor – wie die ganze Veranstaltung umrahmt von der Musik des Duos Klangwelt.

   

   

(c) Johanna-Stahl-Zentrum, Fotos: Nathalie Jäger; Rotraud Ries (unten rechts)

Die Deportationen vom 17. Juni 1943

Die Gepäckstücke aus den unterfränkischen Kommunen

Seit dieser Woche kann man endlich sehen, was das DenkOrt-Denkmal ausmacht: Die Gepäckstücke aus den unterfränkischen Kommunen, in denen es jüdische Gemeinden gab. Die Montage der Koffer, Rucksäcke und Deckenrollen hat begonnen. 34 sind bereits angebracht, die übrigen 14 werden in der nächsten Woche folgen.

 

Der Architekt Matthias Braun hat einen detaillierten Plan erstellt, wo die 47 Gepäckstücke und der Gedichtkoffer auf den 14 Podesten platziert werden sollen. Nach diesem Plan arbeitet die Fa. Rind und befestigt jedes Gepäckstück an seinem Platz. Gut, dass es einen kleinen Kran gibt, mit dem die schweren Stein- und Betonkoffer gehoben und genau am richtigen Platz abgesetzt werden können. Holz- und Metallkoffer, -deckenrollen oder -rucksäcke sind dagegen leicht genug, um sie auch ohne Kran zu bewegen.

 

Bis zur Fertigstellung des DenkOrts und seiner Eröffnung Mitte Juni ist es nun nicht mehr weit. Der endgültige Bodenbelag fehlt noch, die Scheiben für die Info-Tafeln und die Beschilderung der Gepäckstücke. Doch man kann bereits den besonderen Charme des partizipativen Denkmals erkennen: Nicht die künstlerische Qualität der einzelnen Gepäckstücke ist entscheidend, sondern die variantentreiche Mischung von Formen, Materialien und Farben. Künstler*innen, Handwerker*innen und Schüler*innen belegen neben den beteiligten Kommunen, dass und wie sie sich mit dem Thema der NS-Verfolgung in ihren Orten auseinandergesetzt haben. Dies gibt Hoffnung für die Zukunft.

 

Fotos: Header: Johanna-Stahl-Zentrum (JSZ), Rotraud Ries; oben: JSZ, Nathalie Jäger; Mitte und unten: JSZ, Rotraud Ries, 2020

Fortschritte trotz Corona

Die Eröffnung des DenkOrts am 21. April musste wegen der Schutzmaßnahmen gegen die Pandemie abgesagt werden. Und doch tut sich etwas am Denkmal.

Neugierig schauen sich die Menschen den abgezäunten Ort an. Viele von ihnen haben mehr Muße als üblich, schlendern auf dem Bahnhofsvorplatz entlang. Der eine oder die andere bleibt am Zaun stehen, sieht die Banner an oder informiert sich auf der Webseite zum Projekt.

   

Die Baustelle rings um den künftigen DenkOrt ist von den städtischen Gärtnern in eine gepflegte Grünfläche verwandelt worden. Rollrasen und Blumenrabatte umrahmen den Platz. Nur die Tulpen konnten mit ihrer Blüte nicht warten, bis das Denkmal eröffnet wird.

Und auch die Bauarbeiten gehen weiter. Ein hohes Schild mit dem Namen des DenkOrts auf der einen und einem bei der Bahn gebräuchlichen Stop-Zeichen auf der anderen Seite wird künftig zum Anhalten auffordern. Hut und Teddy liegen zur Probe auf den Bänken. Sie gehören zu den Zeichen des Denkmals, die darauf verweisen, dass von hier Männer, Frauen und Kinder abtransportiert wurden, um in Osteuropa ermordet zu werden.

   

Bildnachweise: Fotos Matthias Braun (oben und unten), Michael Stolz (Mitte)